
State of the Öffis in Deutschland
Eine kleine Vorbemerkung: Der Autor fährt regelmäßig sowohl ÖPNV als auch Fernverkehr seit mittlerweile nun 6 Jahren.
Ding ding ding – das Geräusch am Bahnsteig vor dem es jedem Reisenden am Bahnsteig schaudert – ICE soundso fällt mal wieder aus. Naja. Immerhin nicht meiner.
Die „Öffis“ in Deutschland genießen einen schweren Stand, sind sie doch fürs Erreichen der Klimaziele ein essentieller Bestandteil. Doch das auserkorene Wundermittel passt überhaupt nicht in die Rolle, es wurde nie dafür ausgelegt.
Das 9€-Ticket hat den desolaten Zustand offensichtlich gemacht: Es ist nichtmal das Problem, dass in der Rush-Hour und am Wochenende ein Sitzplatz Mangelware ist. Es ist eine Bankrotterklärung, dass die Bahnbetreiber uns sagen müssen, dass sie keine Reserven mehr haben. Ein Ergebnis des Spardrucks der Länder? Oder der Versuch maximaler Gewinnoptimierung der Betreibenden Gesellschaften? Vermutlich doch eine Kombination beider.
Durch die Vergünstigung des Nahverkehrs sind aber noch weitere Probleme deutlicher geworden:
Die Pünktlichkeit, die sonst eher ein Problem des Fernverkehrs zu sein schien, ist nun auch im Nahverkehr ein Dauergast geworden – 30 Minuten hier, 60 Minuten da – für Menschen, die eh schon dank der Bahn länger pendeln, macht das die Situation noch grausamer.
Womit wir auch schon beim dritten Problem sind. Die allgemeine Geschwindigkeit des Nahverkehrs.
Wer Menschen dazu bewegen will, langfristig auf das Auto zu verzichten, muss zumindest versuchen, mit der Geschwindigkeit des Autos zu konkurrieren. Das zeigte ein Experiment zu Beginn des 9€-Tickets in Berlin: Anstelle von 55 Minuten mit dem Auto braucht man 2 Stunden und mehrere Umstiege – bei denen was schief gehen kann und dann erhöht sich die Zeit noch weiter. Ist das konkurrenzfähig? Nein, im Leben nicht, das ist pure Zeitverschwendung.
Menschen „catched“ man mit 3 Kernpunkten: Geschwindigkeit, Komfort, Preis. Und in allen Dreien ist die Erfolgsquote der Bahn niederschmetternd – Geschwindigkeit – meist braucht man trotz Stau länger, die neuen Bahnen sind zudem eine Reinkarnation der Holzklasse und sobald das 9€-Ticket wieder durch ist, ist es auch finanziell viel zu nah am Auto. Der Sinn des ÖPNV ist doch, dass Geld und Emissionen durch Bündelung vieler Menschen gespart werden – wie kann es sein, dass ein One-Way-Ticket von Dortmund nach Köln mehr kostet als die Strecke per Auto? Entweder ist das ganze eine Gelddruckmaschine oder das System an sich ist nicht tragfähig.
Sollte die Politik nicht eine Antwort auf das „Was nach dem 9€-Ticket“ haben, wird die Zielgruppe, die langfristig auf die Bahn und Busse umsteigt, eine geringe Schnittmenge werden – Umweltbewusste, die für mangelhaften Komfort bereit sind einen überzogenen Preis zu bezahlen. Wie viele Menschen, die einfach nur zur Arbeit wollen, werden sich dafür begeistern lassen?
Dabei ist dies enttäuschend, da ein Potential durchaus gegeben ist. Aber dafür müsste man über Geschwindigkeitserhöhungen, Taktverdichtung, Kapazitätserhöhung und Preisanpassung reden – aber komischerweise ist dies bisher nicht passiert.
Es fühlt sich ein wenig wie der Umgang mit Corona an – jeder weiß, dass es im Herbst wieder schlimmer wird, aber man spielt so lange Blinde Kuh bis man nicht mehr wegsehen kann. Und das ist frustrierend. Und für alle, die die Hoffnung hatten, dass sich durch die Ampel-Koalition da groß was ändern würde: Grüne und FDP schließen sich selber aus während die SPD selbst kaum Profil liefert. Führungsstärke sieht irgendwie anders aus.
Man kann nur hoffen, dass das 9€-Ticket so ein Erfolg ist, dass die politischen Entscheidungsträger nicht um eine Verlängerungsregelung, in welcher Form auch immer, herum kommen. Ein Vorbild hierfür wäre das Klimaticket aus Österreich für 365€ pro Jahr.
Es ist einigermaßen Beschämend, dass mir der Finanzminister einer der größten Volkswirtschaften der Welt erzählt, dass für eine Verlängerung kein Geld da wäre, jedoch Österreich dies scheinbar bewerkstelligen kann (wobei der Fernverkehr teils dort sogar inkludiert wird), obwohl das Land weniger Finanzielle Mittel haben dürfte, als Deutschland.
Gibt es einen positiven Ausblick in die Zukunft? Zumindest kurzfristig dürfte daran nichts sich ändern. Neues Rollmaterial braucht typischerweise Jahre bis zur Auslieferung und an der Qualität des Streckennetztes dürfte sich erst wieder etwas ändern, wenn die Reparaturoffensive der DB abgeschlossen ist – was aber auch wieder Jahre dauert und in dieser Zeit massive Probleme auslösen dürfte.
Ein mögliches Mittel könnte die Freigabe von mehr Fernverkehrzügen für Nahverkehrstickets sein – insbesondere die Züge aus Köln Richtung Dortmund fahren zumeist quasi leer und würden eine super Möglichkeit bieten die vorhandene Kapazität zu erhöhen. Ähnlich dürfte es auf manchen Teilstrecken aussehen. Aber dafür bräuchte es wohl Kooperation zwischen DB Fernverkehr und den Verkehrsverbünden und das hat ja schon beim 9€-Ticket nicht geklappt.
Langfristig könnte die Situation jedoch besser aussehen – 2030, wenn die Erneuerungsoffensive erstmal durch ist, dürfte die Welt schon eine andere sein – aber die Vorstellung dass wir 2040 noch mit Zügen fahren, ist schon deprimierend.
Bildquelle: Bild von Erich Westendarp auf Pixabay